Freitag, 8. August 2025

Von der Kunst einfach nur unterwegs zu sein.

Ich wage es kaum zu schreiben, aber heute fahre ich einfach nur am Rhein entlang, genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte. An diesem Fluss lebe ich schon mein ganzes Leben. Die Strecke, die ich heute fahre,  verläuft tatsächlich mit Blick auf den mächtigen Strom. Der heutige Abschnitt führt mich durch malerische Dörfer und entlang an atemberaubend schönen Kirchen und Burgen. In manchen Gegenden wachsen die Weinberge bis fast an den Fluss.

Ich bin überwältigt und dankbar. Heute kein Sturz, kein geplatzter Reifen, und auch sonst keinerlei Schwierigkeiten. Was mich heute ganz besonders herausgefordert ist, der innere Drang anzukommen. Dabei wartet niemand auf mich. Ich kann mir also Zeit lassen. Warum fällt mir das nur so schwer?

Geht es nur mir so? Warum denke ich so oft ich müsste ein Ziel erreichen? Verpasse ich dabei nicht das Eigentliche? 

Auf dieser Reise will ich die Augen offen halten, für die Schönheit, und für die Menschen um mich herum. Ich will bewusst wahrnehmen, wie beschenkt ich bin. Ich liebe es Neues zu entdecken. Ich genieße die freie Zeit, die Bewegung, die Sonne. Und genau deshalb habe ich mir jetzt ein schattiges Plätzchen am Rheinufer gesucht. Ich sitze hier, atme, staune und lächle die Menschen an, die dasselbe tun. Sie lächeln zurück und mir kommt es so vor, als hätten wir ein gemeinsames Geheimnis. 


Ich habe noch circa 20 km vor mir. Ich weiß nicht, was mich heute noch erwartet, aber dieser Moment ist wunderschön. 

Mögest auch du zwischendurch innehalten und das Leben feiern. 

Andreea = )



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Ich will auf meine Wege achthaben

 „Ich will auf meine Wege achthaben“, steht im Losungstext von heute. Das passt doch, denke ich, und denke an meinen Reiseabschnitt von gestern zurück. 

Alles war wunderbar. Mir begegneten viele andere Radfahrer. Die meisten noch älter als ich, oder Männer auf Renn- Rädern. Viele haben ein Lächeln übrig, bevor sie an mir vorbei rauschen. 

Ein Stück am Rheindamm entlang – was bedeutet, dass man den Fluss leider nicht sehen kann – war besonders chillig. Es war eine idyllische Landschaft. Ich fuhr in gleichbleibender Geschwindigkeit, genoss die Ruhe, den Geruch der Feldblumen und der Fahrtwind kühlte mich. Das einzige, was mein Glücksgefühl störte, war mein schmerzender Hintern. Als ich versuchte, mich nur etwas zu verlagern, machte ich eine ungeschickte Bewegung und landete Kopf über im Klee bewachsen Seitenstreifen. 🥴

Ich zog mein Velo wieder hoch und begutachtete den Schaden: der Lenker war verbogen des Schutzblech auch die Taschenhalterung abgerissen und ich hatte ein paar Schürfwunden. Weiter nichts. Ich war ziemlich weit weg von einem Café oder Fahrradladen. Also packte ich den Rucksack auf den Rücken und schob mein Fahrrad in den nächsten Ort, wo ich an einem Haus klingelte und um Hilfe bat. Ich bin immer wieder begeistert darüber, wie hilfsbereit die Menschen sind.

10 Minuten später, Lenker und Schutzblech wieder an Ort und Stelle, die Wasserflasche aufgefüllt, fuhr ich zu einem kleinen Veloladen im nächsten Ort. Dort montierte ich die Tasche mit einem Spanner und viel Kreativität und fuhr die letzten 2 Stunden zu meinem Airbnb.

Ich gebe zu, ich hatte ziemlich wackelige Beine, aber die Landschaft war so überwältigend schön, dass ich mir jeden Gedanken ans Aufgeben verbot.


„Ich will auf meine Wege achthaben“, das versuche ich doch, denke ich, aber der Vers geht noch weiter. Offensichtlich geht es nicht um die äußeren Dinge, sondern um unser Herz und unsere Worte. 

Vieles, was uns im Leben wieder fährt, liegt nicht in unseren Händen, aber wie wir in unserem Herzen denken und wie wir darüber sprechen, ist sehr wohl unserer Hand. Eine wichtige Erinnerung, gerade auch an mich. Denn eine Sache ist sicher: Wenn mein Herz die Dankbarkeit und das Vertrauen verliert, wird der schönste Lebensabschnitt schal. Wenn ich aber die Dankbarkeit bewahre, dann überwindet die Freude auch die unerwarteten Schwierigkeiten. 

Mögest du heute auf deine Wege achthaben und Worte der Hoffnung sprechen.

Andreea = )


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Donnerstag, 7. August 2025

Frust und Freude

 Was ist das schlimmste, was einem auf einer Fahrradtour passieren kann? Kaum mehr Handyakku? Keinen Platz zum Mittagessen? Keine Möglichkeit auf die Toilette zu gehen? Ein geplatzter Reifen? Und was, wenn alles gleichzeitig passiert? 

Ich glaube, dieser Tag verdient den Namen Supergau. Dabei binnich die ersten 80 km von Karlsruhe wunderbar durchgekommen. In Speyer hatte ich, neben einem leckeren Kaffee,  ein erfrischendes Gespräch mit einem Barista auf dem Domplatz. 

Plötzlich, in Ludwigshafen, hatte ich einen Platten. Aufpumpen nutzte nichts. Da es der hintere Reifen war, traute ich mir die Reparatur nicht selber zu. Ich fragte einen jungen Mann, der sofort seine Mittagspause unterbrach und mir den neuen Schlauch montierte. Wir hatten dabei ein tiefes Gespräch, und wir verabschiedeten uns, beide beschenkt. Ich fuhr beschwingt weiter, doch nur 600 m später gab es einen lauten Knall. Schlauch und Mantel waren gerrissen. Ich rief den ADAC an, der mir versicherte, in den nächsten 2 Stunden bei mir zu sein. Als er tatsächlich 2 Stunden späte kam, konnte er mir nur anbieten, mein Fahrrad zu der nächstgelegenen Fahrradwerkstätte schleppen zu lassen. Er würde den Auftrag abschicken. Eine weitere Stunde später stand ich noch immer und wartete auf den Abschleppdienst.

Mein Akku bedenklich niedrig, mein Bedürfnis auf die Toilette zu gehen bedenklich hoch. Ich erinnere mich an die Weisheit von gestern: Geschenkte Zeit genießen, und setzte mich mit einem Buch in den Schatten. Wo mir ein Vogel, einen riesigen Vogelschiss direkt auf den Kopf, die Hose und mein Buch machte.

Ich kürze die Geschichte hier ab und erzähle nur am Rande, dass ich Mühe hatte, nicht in Panik zu verfallen. Nach fast 4 Stunden Wartezeit, kam der Abschleppdienst, der mich schließlich zur letzten geöffneten Fahrradwerkstätte in Ludwigshafen fuhr.  

Dort begegnete ich einem 50 jährigen türkischen Engel in Form des Inhabers des Geschäftes. Trotz der späten Stunde reparierte er mir mit Engelsgeduld und Kompetenz, Mantel und Schlauch. 

Ich hätte ihn am liebsten umarmt. 


Und wegen seiner Hilfe konnte ich tatsächlich noch bis nach Heidelberg, zu Freunden,  weiterfahren, die bereits auf mich warten und mich mit allem versorgten was ich brauchte. 

Was habe ich gelernt: Es warten überall kostbare Begegnungen mit Menschen! Und manchmal überwiegt die Freude über empfangene Hilfe den Frust über Schwierigkeiten. 

Mögest du heute Menschen begegnen, die deinen Tag bereichern oder selbst diese Person sein.

Andreea =) 

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Mittwoch, 6. August 2025

Es kam anders

Meine erste Etappe mit dem Velo sollte 40-60 km lang sein. Ich wollte es langsam angehen lassen. Doch es kam anders. Statt mit meinem sportlichen Erfolg angeben zu können, habe ich gestern einen anderen Sieg errungen. Ich habe die geschenkte Zeit genossen.

Durch eine spontane Planänderung und einen heftigen Regen habe ich Karlsruhe bereits am frühen Nachmittag erreicht, mit dem Zug. Auf meinem Tacho waren genau 9,1 km. 

Aber was ich zuerst wie eine Niederlage an fühlte, entpuppte sich als Geschenk. Spontan machte ich mich auf eine Entdeckungstour durch diese charmante Stadt. Ich las im Schlosspark, fuhr durch die kleinen Straßen und bestaunte die vielen alten Gebäude. 

Es war bereits 18:00 Uhr, als ich dann erfuhr, dass ich für meine Übernachtunggelegenheit noch eine Stunde mit dem Fahrrad fahren musste. Erholt und froh, doch noch ein Stück fahren zu können, genoß ich auch diesen Teil des Tages. Und mir war, als würde Gott schmunzeln und sagen:

Freue dich an den Dingen, die du nicht erkämpfen musst, manchmal brauchst du deine Kraft später noch.

Mögest du heute die Geschenke annehmen können, die dir gemacht werden.

Andreea = ) 

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Dienstag, 5. August 2025

Eine verrückte Idee

Ich weiß nicht einmal mehr woher der Gedanke kam, aber jetzt sitze ich im Zug für die erste Etappe meiner Reise den Rhein entlang und dann weiter nach Bremen und Berlin. Mein Fahrrad steht, voll bepackt, neben mir. Ich habe mir vorgenommen die meiste Zeit mit meinem Ebike zu fahren und auf der Route kostbare Freunde zu besuchen. 

Ich will die Lorelei sehen, den Ort, wo die Mosel in den Rhein fließt  und den Kölner Dom. 

Die Vorbereitung zu dieser Reise beschäftigt mich schon eine Weile, außerdem habe den Abfahrtszeitpunkt schon zweimal verschoben. Jetzt aber ist es soweit. 

In den vergangenen Tagen habe ich mit Zweifeln gekämpft. Habe ich mir da zu viel vorgenommen? 

Aber die Abenteuererin in mir will es dennoch wagen. 

Auf dieser Reise möchte ich meine Augen offenhalten für die Schönheit um mich herum. Ein weiterer Wunsch ist es die Herzensohren offenzuhalten, für das, was auf Gottes Herzen ist. Dabei bin ich sehr gespannt welche Menschen er mir über den Weg schicken wird. 

Wer möchte, darf mich auf dieser Reise begleiten.

Ich habe diesen Blog vor 12 Jahren begonnen, für meine erste Reise nach Neuseeland. Nun werde ich ihm neues Leben einhauchen. Andreea unterwegs erzählt davon wie Gott im Alltag zu mir spricht. 

Seine Ermutigung für mich heute: Habe keine Eile. Folge meiner Führung. Genieße den Moment. Mögest auch du heute ganz bewusst leben. 

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Donnerstag, 31. Juli 2025

Wundervoller Zufall?

Ich sitze auf meiner Terrasse. Vor mir auf dem Tisch liegt mein aufgeschlagenes Tagebuch, daneben dampft eine Tasse mit frisch aufgebrühtem Tee. Ich genieße die Ruhe des Morgens und lasse meine Blicke und meine Sinne schweifen. 

Diese Welt ist nicht nur ausgesprochen schön, sie ist auch ausgesprochen gut durchdacht. Ich beobachte die Vögel und die Insekten, die so emsig nach Nahrung suchen. 

Ich beobachte die Luftblasen in meiner Wasserflasche, die sich wie Glasperlen und der Unterseite der Pfefferminzblätter aufreihen und dann ab und zu loslassen, aufsteigen und zerplatzen. 

Ich spüre den leichten Wind, der die Blätter des Trompetenbaums rascheln lässt, der die Flügel der tanzenden Schmetterlinge nicht beschädigt, der die Samen vor sich her treibt und den Duft der Blüten bis zu mir trägt. 

Ich beobachte die dunklen Wolken, die in großer Ruhe den Himmel durchziehen, mit tausenden Litern von Wasser in sich verborgen. 

Ich höre… Welch ein Geheimnis ist doch das Gehör. Schallwellen nur, und doch kann ich sie unterscheiden. Da ist ein Krankenwagen, ein Motorroller, eine zugeschlagene Tür. Da zanken zwei Katzen und das sind die liebevollen Worte einer Mutter, die, mit ihren beiden Kindern an der Hand, unter meinem Fenster vorbeigeht.

Ich bestaune das Gefieder der Elster, die Blüten der Ophelia, die glänzenden Blätter meines Kaffeebaums und die fast schwarzen Beeren des alten Holunderbuschs. 

Diese Welt ist unglaublich schön und unglaublich gut durchdacht. Ich kann nicht glauben, dass sie ohne die Absicht eines Schöpfers entstanden ist. 

Die Bibel sagt uns, dass Gott uns ihm ähnlich erschaffen hat. Und ja, ich kann die wunderbaren, komplizierten Zusammenhänge doch nur deshalb erkennen, und über die Schönheit staunen, weil ich selbst nach diesen Dingen trachte. Ordnung, Lebensraum und Schönheit sind mir vertraut und wichtig. Weil ich verstehe, wie viel Verstand und Weisheit nötig sind um solch ein Zusammenspiel möglich zu machen, kann ich es wertschätzen und muss dabei auf einen Urheber schließen, denn auch das lehrt mich das Leben: ohne Fürsorge entsteht erfahrungsgemäß Unordnung.

Ich atme. Was hierbei genau geschieht, hab ich vor langer Zeit in der Schule gelernt und längst wieder vergessen, aber ohne diesen Atem wäre Leben auf dieser Erde unmöglich. 

Ich nehme einen Schluck von meinem Tee und spüre, wie dankbar ich bin, in dieser außerordentlich schönen und komplexen Erde leben zu dürfen.

Mögest auch du die liebevolle Weisheit erkennen, mit der unser Vater im Himmel auch dein Leben lenkt.

Andreea = ) 


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Mittwoch, 15. Mai 2024

Eine Begegnung, die alles veränderte.

Mein Vater war so stolz gewesen, als Johannes der Täufer in unser Haus gekommen war, um ihm mitzuteilen, dass er mich zu seinem Schüler erwählt hatte. Zugegeben, Johannes war eine ungewöhnliche Erscheinung, aber kaum jemand zweifelte daran, dass er ein echter Prophet war. Und nun sollte ich sein Schüler werden. Ich hatte viel dafür getan. Ich hatte die heiligen Schriften studiert, solange ich denken konnte, und ich hatte sie auswendig gelernt, denn es war immer mein höchstes Ziel gewesen, einem angesehenen Rabbi zu folgen. Natürlich sagte mein Vater nichts davon, was er sich für mein Leben erhofft hatte. Einem Rabbi zu folgen, war eine große Ehre, auch wenn es bedeutete, dass ich die Familientradition nicht weiterführen würde. So hatte ich mich von ihm und meiner Mutter verabschiedet, um Johannes auf Schritt und Tritt zu folgen. Ich wollte werden wie er.

Menschen kamen uns nach, ganz gleich, wo wir waren, um seine Predigten zu hören und ihr Leben durch eine Taufe Gott neu zu weihen. Manchmal überließ Johannes mir und den anderen Jüngern diese Aufgabe. Johannes war ein leidenschaftlicher Prediger, aber wenn wir mit ihm allein waren, sprach er wenig. Dafür fastete er viel, und wir taten es ihm gleich. Ich war stolz, einer seiner Jünger zu sein. Und ich liebte die ehrfürchtigen Blicke der Menschen in den Dörfern. Keiner hatte meinen Vater je so angesehen.
Es gab noch einen anderen Rabbi, der auf sich aufmerksam machte. Johannes schien ihn zu kennen und zu schätzen. Einmal hörte ich ihn sagen, dass er der verheißene Messias sei. Das jedoch konnte ich mir kaum vorstellen. Sein Lebenswandel hatte nichts mit der Radikalität von Johannes zu tun. Er war bekannt dafür, dass er aß und trank. Außerdem folgten ihm einige Frauen und nicht nur ich fragte mich, in welcher Beziehung er zu ihnen stand. Auch er hatte sich einige Schüler erwählt. Die meisten jedoch waren einfache Fischer. Sogar ein Zöllner war dabei. Ich hatte mir längst ein eigenes Bild von diesem Mann gemacht, der nicht einmal dafür sorgte, dass seine Jünger regelmäßig fasteten.
Johannes war bekannt für seine scharfe Zunge. Er hatte sich sogar in die Angelegenheiten des Königs Herodes eingemischt und war dafür eingesperrt worden. Jeden Tag brachten wir ihm, was er brauchte. Auch heute Morgen waren wir bereits vor Sonnenaufgang aufgestanden und hatten auf dem Markt Honig und Brot für Johannes gekauft. Jetzt standen wir vor dem Gefängnis und warteten auf den Vorsteher, der uns zu Johannes führen würde. Wir schwiegen. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Ich machte mir Sorgen. Was würde aus uns werden, wenn Johannes im Gefängnis bleiben müsste? König Herodes war bekannt für seine Kaltblütigkeit. Ich befürchtete, Johannes könnte seine Zurechtweisung gegenüber Herodes mit seinem Leben bezahlen müssen. Es durfte hier nicht enden. Nicht in einem schmutzigen Gefängnis. Ich hatte alles dafür aufgegeben, Johannes zu folgen.
Die Sonne brannte mittlerweile unbarmherzig auf uns nieder, als die Tür des Gefängnisses sich endlich öffnete. „Folgt mir!“ Die Stimme des Vorstehers war kalt und schneidend. Wir fanden Johannes mit geschlossenen Augen in seiner Zelle sitzen und beten. Wir zwängten uns zu viert in den muffigen Raum, als die Tür hinter uns bereits wieder ins Schloss fiel. Johannes öffnete die Augen und schaute jedem von uns ins Gesicht. Seine Augen ruhten lange auf mir. Ich konnte seine Gedanken nicht ergründen. War das Sorge? Schließlich nahm er das mitgebrachte Essen aus meiner Hand und nickte uns zum Dank zu. „Abiah und Shimei, geht zu Jesus und fragt ihn: Bist du der, der kommen soll? Oder sollen wir auf einen anderen warten?"
Überrascht schauten wir uns an. Doch Johannes sagte nichts weiter, sondern begann zu essen. Deshalb nickte ich und verließ gemeinsam mit Schimei das Gefängnis.
Der Fußmarsch nach Galiläa war lang und beschwerlich. Unterwegs fragten wir immer wieder nach dem Prediger aus Nazareth, ansonsten schwiegen wir, wie wir es gewohnt waren. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach.
Ich vermutete, dass Johannes Gewissheit brauchte. Vermutlich war seine Überzeugung, wer dieser Jesus war, ins Wanken geraten. Es erfüllte mich mit Stolz, dass er mich für diese Aufgabe auserwählt hatte.
Je näher wir dem Ort kamen, in dem wir Jesus vermuteten, desto häufiger hörten wir Geschichten von Wunderheilungen. Ich gebe zu, ich war skeptisch. Menschen konnten so leichtgläubig sein. Gerade die Menschen hier in den Dörfern waren ungebildet und einfach. Aber ihre Begeisterung wirkte echt. Es war bereits Nachmittag, als wir von weitem eine aufgeregte Menschenmenge sahen. Es mussten fast hundert Menschen sein, die sich außerhalb des Dorfes unter einer Baumgruppe versammelt hatten. Wir hörten von weiten schon Schreien und Jubel. In der Nähe der Menschenmenge sahen wir eine Gruppe Pharisäer, die mit verschränkten Armen verfolgten, was da passierte. Je näher wir kamen, desto klarer wurde uns, was es war. Jesus konnten wir zwar nicht sehen, aber er musste mitten unter den Menschen sein, denn immer wieder lösten sich kleine Gruppen aus der Menge, die lachten und tanzen und davon erzählten, dass er sie geheilt habe. Shimei und ich schüttelten die Köpfe, als eine ältere Frau uns fragte, ob auch wir gekommen waren, um uns von Jesus heilen zu lassen. Die Augen in ihrem faltigen Gesicht strahlten, als sie uns ungefragt davon erzählte, dass er ihren taub geborenen Enkel geheilt hatte. Jetzt erst sahen wir den Jungen an ihrer Hand. Er musste fast sechs Jahre alt sein. Er wirkte überfordert. Und sein Blick ging nervös hin und her. „Ruben! Sag den Männern, was passiert ist!" Die Alte hatte den Jungen sanft an den Schultern gefasst und ihn zu uns gedreht. Er zögerte, aber seine großen, dunklen Augen strahlten: „Ich kann hören!" Er stotterte leicht, und mich überkam ein Schauer. Dieser Junge sprach die Wahrheit, das konnte ich sehen. „Gehen Sie! Er macht jeden gesund!" Sagte die Frau zu uns und zog den Jungen jetzt weiter in Richtung Dorf. Da hörten wir einen grausigen Schrei aus der Menschenmenge. Einige Menschen stolperten zurück, da konnten wir den Mann sehen, der in der Mitte der Gruppe stand. Das Geschrei war furchteinflößend, aber der Mann stand ruhig da. Er schien auf etwas zu warten. Die Menschenmenge drängte zurück, eingeschüchtert von dem Geschrei. Allerdings wollte offenbar keiner verpassen, was da gerade geschah. Plötzlich brach der Schrei ab, und ein Raunen ging durch die Menge. Im nächsten Moment wurde gejubelt, geklatscht und die Menschen umarmten sich. Shimei und ich waren nun fast bei der Gruppe angekommen. Mehrere Männer lösten sich daraus und wandten sich zu uns. „Der alte Ephraim ist frei!!! Der Dämon hat ihn verlassen! Jesus hat ihn geheilt! "Nur mit Mühe konnte ich die Männer davon abhalten, mich zu umarmen und mit sich zu ziehen. Ich schaute zu Shimei, der mit offenem Mund dastand, den Blick auf diesen Jesus gerichtet.
Alle waren völlig aus dem Häuschen. Mein Blick ging zu der Gruppe Pharisäer. Sie jedoch standen noch immer mit verschränkten Armen da. Nur tuschelten sie jetzt miteinander. Ihre Missbilligung war sogar von hier aus zu sehen.
Ich rüttelte Shimei an der Schulter, um ihn aus der Starre zu lösen. "Wir haben einen Auftrag", sagte ich. Er nickte langsam und bedächtig und wir näherten uns der Menge bis auf zehn Schritte.
Von hier aus konnten wir Jesus nun deutlich sehen. Er hatte sich hingekniet und schien für eine junge Frau zu beten. Seine Stimme klang warm und zuversichtlich. Die Menschen drängten wieder nach vorne. Wir sahen alte und junge, schäbig gekleidete und offensichtlich Reiche. Jesus ergriff die Hand der Frau und wir konnten sehen, dass ihre Beine furchtbar dünn und verformt waren. Trotzdem zog er sie hoch. Einige Frauen hielten sich voller Entsetzen die Hände vor den Mund. Einen Moment lang hielt Jesus die Frau. Dann ließ er sie los. Ich konnte ihren Blick sehen. Ich sah zuerst Unglauben, dann Staunen und dann eine tiefe Freude. Ihr Blick ging zu Jesus, dann zu den Leuten, dann auf ihre Beine. Dann begann sie zu tanzen. „Ich kann wieder gehen!" Ihre Stimme klang so überrascht, und ihre Freude wirkte so echt, dass es auch mir ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Ich hörte Shimei neben mir flüstern: „Er ist es!" Und ich wusste, was er meinte. Konnte das wirklich der Messias sein?
Wir standen noch eine ganze Weile in der Gruppe. Immer neue Kranke wurden zu Jesus gebracht, und wieder und wieder sahen wir, wie er die Menschen gesund machte. Ich spürte, wie Glauben in meinem Herzen wuchs. Wie konnte ein normaler Mensch solche Wunder tun? Als Shimei mich nach vorne schob, erschrak ich. „Frag ihn!"
Also stolperte ein paar Schritte nach vorne. Jesus drehte sich zu uns um. Seine Augen blickten uns freundlich und abwartend an. Sein Mund lächelte. Er wirkte müde und stark gleichzeitig. Wieder legte Shimei seine Hand auf meinen Rücken. Diesmal klang seine Stimme eindringlicher. „Frag ihn! Abijah!"
Jesus blickte von Shimei zu mir und wartete. Endlich fand ich meine Stimme. "Johannes schickt uns. Bist du der Messias oder sollen wir auf einen anderen warten?" Jetzt wurden seine Augen noch sanfter. Er breitete seine Hände aus und zeigte auf die Menschen, die ihn noch immer umringten. „Die Blinden sehen die Lahmen gehen, Unreine werden heil, die Tauben hören, die Toten leben und den Armen wird die gute Botschaft verkündet. Und glücklich ist jeder, der sich nicht an mir stößt." Dabei ging sein Blick zu der Gruppe Pharisäer, die mit abweisenden Mienen noch immer in der Nähe standen. Plötzlich erkannte ich, dass ich war wie sie. Ich störte mich an Äußerlichkeiten und nahm mir selten Zeit für die Menschen, die mir begegneten. Ich hatte nur mich selbst im Blick. Jesus jedoch nahm sich Zeit, die Menschen wahrzunehmen. Er hörte sich ihre Geschichten an, berührte sie, heilte sie, liebte sie. Ich erkannte, dass auch ich so lieben wollte. Mir war, als hätte Jesus meine Gedanken gelesen, denn er kam einen weiteren Schritt auf mich zu und nahm mich in seine Arme. Ich ließ es geschehen. Heiße Tränen der Scham tropften auf seine Schultern. Es schien ihn nicht nur zu stören. Eine ganze Weile standen wir so da. Dann hielt Jesus mich auf Armlänge vor sich und nickte mir zu.
„Geht und sagt Johannes, was ihr gesehen und gehört habt." Shimei und ich machten uns zugleich auf den Weg zurück. Mein Herz war leicht. Wir hatten den Messias gefunden.


Andreea = )

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